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Massimo Carlotto

 

Massimo Carlotto wurde am 22. Juli 1956 in Padua geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Umfeld auf. Früh zeigte er eine kreative Ader und trat in seiner Jugend als Sänger einer Rockband auf. Zugleich begann er, sich politisch zu engagieren: Als Teenager schloss er sich der außerparlamentarischen linken Gruppierung Lotta Continua an, beteiligte sich an Studentenprotesten und antifaschistischen Kundgebungen und sammelte als Reporter für die Wochenzeitung der Organisation erste journalistische Erfahrungen. Mitte der 1970er-Jahre nahm Carlotto ein Pharmazie-Studium an der Universität Padua auf.

Eine jähe Zäsur in Carlottos Biographie ist der "Caso Carlotto" - ein höchst umstrittener Fall aus der italienischen Rechtsgeschichte. Massimo Carlotto geriet im Januar 1976 unter Tatverdacht, nachdem er in Padua die Leiche einer ermordeten Studentin entdeckt hatte. Wegen Blutspuren an seiner Kleidung entwickelte sich ein 17-jähriger Justizmarathon durch elf Instanzen. Nach einem ersten Freispruch aus Mangel an Beweisen (1977) folgte 1979 eine Verurteilung zu 18 Jahren Haft; Carlotto entzog sich der Vollstreckung durch Flucht zunächst nach Frankreich, dann nach Mexiko, wo er 1985 verraten, verhaftet und an Italien ausgeliefert wurde. Trotz einer von internationalen Intellektuellen unterstützten Kampagne und einer Wiederaufnahme des Verfahrens wurde die Verurteilung 1992 bestätigt. Aufgrund seines kritischen Gesundheitszustands und der juristischen Komplexität des Falls begnadigte ihn Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro ein Jahr später; die vollständige rechtliche Rehabilitation und Wiederherstellung seiner bürgerlichen Rechte erfolgte 2004. Diese Erfahrungen bilden das Fundament eines Werks, das sich intensiv mit den Defiziten des italienischen Rechtsstaats auseinandersetzt.

Insbesondere die Literaturkritikerin Grazia Cherchi drängte Carlotto nach der Haftentlassung, seinen Kampf mit der Justiz und seine Erfahrungen auf der Flucht in einem Buch zu verarbeiten. Sein Roman Il fuggiasco erschien 1995. Das Debüt ist ein autobiografischer Bericht über seine Jahre auf der Flucht und im Gefängnis, verfasst ohne klassische literarische Ausbildung. Der Roman beschäftigt sich mit den seelischen Zerrüttungen, die ein Fluchtleben ohne Zuhause und ohne Identität anrichtet. Im Untergrund und später im Gefängnis, so berichtet Carlotto in seinem Roman, lebte er nicht nur mit politischen Flüchtlingen zusammen, sondern auch mit Terroristen, Mafiosi und brutalen Verbrechern - ein Milieu, das zum Fundus seiner Romanfiguren wurde. Il fuggiasco, auf Anhieb ein Verkaufserfolg, markiert den Beginn von Carlottos schriftstellerischer Karriere - und für ihn persönlich den Start in ein zweites Leben.

Carlottos zweiter Roman La verità dell'Alligatore (deutsch: Die Wahrheit des Alligators) erschien 1996 und führte die Serienfigur des "Alligator" Marco Buratti ein. Der ehemalige Blues-Sänger und Ex-Häftling verdingt sich als unlizenzierter Ermittler in Padua und Nordostitalien. Sein Spitzname spiegelt seine Fähigkeit wider, sich unauffällig durch die Unterwelt zu bewegen und hartnäckig an Fällen zu arbeiten - wie ein Alligator im trüben Wasser. Unterstützt wird Buratti von Beniamino Rossini, einem brutalen, aber loyalen Schmuggler, und dem übergewichtigen Informanten Max "la Memoria", der über ein fotografisches Gedächtnis verfügt. Die drei bilden ein unkonventionelles Team, das sich in einer Welt bewegt, in der Gerechtigkeit oft nur durch illegale Mittel erreicht werden kann.

Inhaltlich und stilistisch setzt dieser Roman den Ton für Carlottos weiteres Werk. Er nutzt die Form des Kriminalromans, um Korruption, Justizversagen und die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität schonungslos darzustellen. Typische Themen sind Bauspekulation, Prostitution, Drogenhandel und die Rolle der Mafia - quer durch alle sozialen Schichten, von der Schickeria bis zur Unterwelt. Dabei verzichtet Carlotto auf das übliche Ermittlerpersonal: Keine Kommissare oder Richter, sondern Außenseiter und Randfiguren wie der Alligator bevölkern seine Geschichten - Menschen in der Grauzone zwischen Legalität und Verbrechen. Das Verbrechen selbst dient ihm als "Vergrößerungsglas", um gesellschaftliche Realitäten sichtbar zu machen.

Carlottos Stil ist hart, realistisch und zynisch. Anders als im traditionellen giallo, der eine beruhigende Ordnung wiederherstellt, verweigern Carlottos Romane jede tröstliche Auflösung. Sie zeigen, wie Gerechtigkeit scheitert und wie die Protagonisten selbst in die Abgründe gezogen werden, die sie aufdecken. Damit steht Carlotto exemplarisch für den "Noir mediterraneo", eine Strömung, die Kriminalität konsequent als Spiegel gesellschaftlicher Missstände nutzt. Im Zentrum steht die These, dass sich legale und illegale Ökonomie längst durchdrungen haben - Wirtschaft, Politik und organisierte Kriminalität erscheinen als ein einheitliches System. Jeder Roman basiert auf intensiver Recherche, oft zu realen Fällen, die ihm Leser zutragen.

Massimo Carlotto lebt mit seiner Familie in der Nähe von Cagliari auf Sardinien. Neben seinen Romanen arbeitet er auch als Theaterautor, Drehbuchschreiber und Journalist.

 

Romane:
Il fuggiasco
[Rom: Edizioni E/O, 1995]
1995 Der Flüchtling
[München: Heyne, 2013]
[Stuttgart: Tropen, 2010]
Le irregolari.
Buenos Aires horror tour
[Rom: Edizioni E/O, 1998]
1998
Arrivederci amore, ciao
[Rom: Edizioni E/O, 2001]
2001 Arrivederci amore, ciao
[München: Heyne, 2008]
[Köln: Tropen, 2007]
L'oscura immensità della morte
[Rom: Edizioni E/O, 2004]
2004 Die dunkle Unermesslichkeit des Todes
[München: Heyne, 2010]
[Stuttgart: Tropen, 2008]
Niente, più niente al mondo
[Rom: Edizioni E/O, 2004]
2004
Nordest
(mit Marco Videtta)
[Rom: Edizioni E/O, 2005]
2005 Wo die Zitronen blühen
[München: Heyne, 2011]
[Stuttgart: Tropen, 2009]
La terra della mia anima
[Rom: Edizioni E/O, 2006]
2006
Mi fido di te
(mit Francesco Abate)
[Turin: Einaudi, 2007]
2007 Ich vertraue dir
[München: Goldmann, 2011]
[München: Bertelsmann, 2009]
Cristiani di Allah
[Rom: Edizioni E/O, 2008]
2008
Perdas de Fogu
(mit Mama Sabot)
[Rom: Edizioni E/O, 2008]
2008 Tödlicher Staub
[Stuttgart: Tropen, 2012]
L'albero dei microchip
(mit Francesco Abate)
[Mailand: Edizioni Ambiente, 2009]
2009 Giftig unterwegs
[Biel: Verlag die Brotsuppe, 2016]
Alla fine di un giorno noioso
[Rom: Edizioni E/O, 2011]
2011 Am Ende eines öden Tages
[Stuttgart: Tropen, 2016]
Respiro corto
[Turin: Einaudi, 2012]
2012 Die Marseille-Connection
[Müchen: Heyne, 2015]
[Stuttgart: Tropen, 2013]
Il mondo non mi deve nulla
[Rom: Edizioni E/O, 2014]
2014
Il turista
[Mailand: Rizzoli, 2016]
2016 Der Tourist
[Wien, Bozen: Folio, 2017]
La signora del martedì
[Rom: Edizioni E/O, 2019]
2019 Die Frau am Dienstag
[Wien, Bozen: Folio, 2020]
E verrà un altro inverno
[Mailand: Rizzoli, 2021]
2021 Und es kommt ein neuer Winter
[Wien, Bozen: Folio, 2022]
Il francese
[Mailand: Mondadori, 2022]
2022
Trudy
[Turin: Einaudi, 2024]
2024

 

Marco Buratti / Alligatore-Serie:
(1) La verità dell'Alligatore
[Rom: Edizioni E/O, 1995]
1995 Die Wahrheit des Alligators
[München: Droemer Knaur, 2000]
[München: Lichtenberg, 1998]
Il mistero di Mangiabarche
[Rom: Edizioni E/O, 1997]
1997 Die Schöne und der Alligator
[Frankfurt/M.: Scherz, 2003]
[München: Lichtenberg, 1999]
Nessuna cortesia all'uscita
[Rom: Edizioni E/O, 1999]
1999
Il corriere colombiano
[Rom: Edizioni E/O, 2000]
2000
(5) Il maestro di nodi
[Rom: Edizioni E/O, 2002]
2002
L'amore del bandito
[Rom: Edizioni E/O, 2009]
2009 Banditenliebe
[Stuttgart: Tropen, 2011]
La banda degli amanti
[Rom: Edizioni E/O, 2015]
2015
Per tutto l'oro del mondo
[Rom: Edizioni E/O, 2015]
2015
Blues per cuori fuorilegge e vecchie puttane
[Rom: Edizioni E/O, 2017]
2017 Blues für sanfte Halunken und alte Huren
[Wien, Bozen: Folio, 2019]
(10) A esequie avvenute
[Turin: Einaudi, 2025]
2025

 

Le Vendicatrici-Serie, mit Marco Videtta: (1)
Ksenia. Le vendicatrici
[Turin: Einaudi, 2013]
2013
Eva. Le vendicatrici
[Turin: Einaudi, 2013]
2013
Sara. Il prezzo della verità
[Turin: Einaudi, 2013]
2013
Luz. Solo per amore
[Turin: Einaudi, 2013]
2013

 

(1) "Le Vendicatrici" ist ein vierbändiger Romanzyklus, den Massimo Carlotto 2013 zusammen mit dem Drehbuchautor Marco Videtta veröffentlichte. Im Zentrum stehen vier unterschiedliche Frauen - die Sibirierin Ksenia, die Römerin Eva, die geheimnisvolle Sara und die Kolumbianerin Luz - die durch Gewalt und Ausbeutung zu Opfern wurden - und sich dagegen wehren. Die vier Bände wurden zwischen März und November 2013 veröffentlicht, sind also nicht zeitgleich erschienen.

 

Erzählungen & Kurzprosa:
Il giorno in cui Gabriel scoprì di chiamarsi Miguel Angel
[San Dorligo della Valle: EL, 2001]
2001
Jimmy della collina
[San Dorligo della Valle: EL, 2002]
2002
Cocaina
(mit Gianrico Carofiglio & Giancarlo De Cataldo)
[Turin: Einaudi, 2013]
2013 Kokain.
Crime Stories
[Wien, Bozen: Folio, 2013]
Variazioni sul noir
[Villaricca (Na): CentoAutori, 2020]
2020
Danzate su di me
[Mailand: SEM - Società Editrice Milanese, 2025]
2025

 

Sachbuch & Essay:
The black album.
Il noir tra cronaca e romanzo
Conversazione con Marco Amici
[Rom: Carocci, 2012]
2012
Il giardino di Gaia
Con l'adattamento di Sergio Ferrentino
[Mailand: Feltrinelli, 2013]
2013
La via del pepe.
Finta fiaba africana per europei benpensanti
Illustrazioni di Alessandro Sanna
[Rom: Edizioni E/O, 2014]
2014

 

© j.c.schmidt, 2026

 

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